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Nürnberger Nachrichten: "Überraschendes Tauwetter"

Nürnberger Nachrichten 14.03.2005 Seite 9

Überraschendes Tauwetter Bayern will bereits 2006 einen Landesschülerrat installieren VON CLAUDINE STAUBER

Bayerische Schüler bekommen endlich eine gesetzliche Vertretung auf Landesebene. Wenn die Schulordnung 2006 reformiert wird, soll der seit Jahren geforderte Landesschülerrat fest verankert werden. Das verkündete Bildungsstaatssekretär Karl Freiler beim Schülerkongress "Basis 05", der am Wochenende in Nürnberg stattfand.

So schnell, wie draußen der nasse Schnee vom Dach der Nürnberger Bert-Brecht-Schule troff, so schnell war offenbar der Widerstand des Kultusministeriums dahingeschmolzen. Noch vor zwei Jahren war allenfalls von einer Vertretung der Gymnasiasten die Rede. Dazu sagten die Schülervertreter damals Nein. Jetzt sollen alle Schularten eine legitime Vertretung bekommen. Allenfalls das Wie war den 800 Teilnehmer(inne)n des Treffens da noch diskussionswürdig.

Im teppichbelegten Großraum Nord der Schule herrschte Festivalatmosphäre. Man fläzte entspannt am Boden, empfing "unseren Staatssekretär" auf Plakaten ausgesprochen freundlich. Der wiederum ignorierte seinen Redetext, lobte die als Verein organisierte Landesschülervertretung (LSV) für die perfekte Organisation des Kongresses und verriet durch einen Verspecher, dass weniger er als vielmehr Ministerin Monika Hohlmeier von mehr Schul-Demokratie hat überzeugt werden müssen.

Dass Hohlmeier sich in Nürnberg wieder nicht blicken ließ bei den Schülern, wurde zwar kritisiert. Hämisches Gejohle, in dem ihr Video-Auftritt auf dem Kongress 2004 untergegangen war, gehört aber vorerst der Vergangenheit an. Dass Freller bedauerte, dass "Schüler sein heute nicht mehr so leicht ist wie früher, als einem alle Türen offen standen", war Balsam für die Schülerseele. Wenn, wie geplant, auch noch die Zensur der Schülerzeitungen abgeschafft wird, dürfte die Harmonie perfekt sein.

Auch Karl Frellers Medienschelte an dem einst von seiner Partei forcierten Privatfernsehen ("die sollten nicht Leute in Container sperren und sie dabei filmen, wie sie ihre stinkigen Socken ausziehen") brachte ihm Beifall, wie ihn Vertreter der Schulpolitik in Bayern eher selten von der Basis bekommen. Zwei Modelle

Was soll sich ändern? Vor allem die 1450 Hauptschulen, die 340 Realschulen, die 130 Fach- und Berufsoberschulen und rund 1000 Berufs- und Wirtschaftsschulen sollen endlich vertreten sein. Bislang waren nur die 430 Gymnasien in Bayern in der LSV repräsentiert. Was tun mit den Förderschulen? Die Frage kam prompt, und Freller will prüfen, "ob die da nicht auch irgendwie reinpassen."

Zwei Modelle sind in der Diskussion: Das Ministerium will über die Bezirksebene mindestens 51 Landesvertreter jeder Schulart rekrutieren, die einen Vorstand wählen, der das direkte Gespräch mit dem Hohlmeier-Haus führen kann. Inspiriert vom Beispiel anderer Bundesländer wollen die Schüler dagegen Kreisoder Stadtschülerräte entsenden, die wiederum 192 Abgeordnete in die Landesschülerkonferenz schicken.

Breitere Basisdemokratie versus schlankere Mitsprache - wie die Debatte auch ausgeht, ein Problem bleibt: Demokratie kostet Geld, 350000 Mark im Jahr sind im Gespräch für Fahrtkostenzuschüsse, Büroaufwand und vieles mehr. "Die Mittel des Ministeriums gehen zu 99 Prozent in die Personalkosten", rechnete Freller vor. Also muss anderswo gestrichen werden, und die Auswahl ist nicht groß.

Kommt der Landesschülerrat, dann kann Bayern 2006 endlich das Schlusslicht ausknipsen. Als letztes Bundesland räumt es dann seinen Schülern Mitsprache ein. Könnte sein, dass jetzt die Eltern nicht mehr still halten. Auch sie fordern seit langem eine gesetzliche Vertretung. Auch die gibt es anderswo längst.